Tag-Archiv für 'zukunftschancen'

Was denn nun, Herr Lenzen?

Kurz nach der Bekanntgabe der Ergebnisse des Exzellenzwettbewerbs schrieb der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, einen Brief an alle Studierenden seiner Universität. In diesem Brief wird unter anderem Bezug auf die nun verbesserten Berufschancen der FU Studis genommen:

Wenn Sie an dieser Freien Universität Ihren Abschluss gemacht haben, werden Ihre Zukunftschancen im Beruf noch besser sein als zuvor. Denn: Die Frage, an welcher Universität jemand studiert hat und graduiert wurde, ist für den Erfolg im Berufsleben auch international immer wichtiger geworden.

In einem Artikel den Herr Lenzen für die Berliner Morgenpost am 29.10.2007 verfasst hat, klingt das plötzlich ganz anders:

Honoriert wurden in diesem Wettbewerb nicht exzellente Lehre oder ein guter „Ruf“ einzelner Fächer hinsichtlich ihrer Ausbildungsqualität und auch nicht die Aussichten der Absolventen unterschiedlicher Hochschulen auf dem Arbeitsmarkt. Kurzum: Über die akademische Ausbildungsqualität sagt das Wettbewerbsergebnis nichts aus.

Herr Lenzen, so geht das aber nicht! Was ist denn nun aus unseren verbesserten Zukunftschancen geworden? Es ist eine Sache sich über das Ergebnis des Exzellenzwettbewerbes für die Freie Universität zu freuen, eine andere ist es, den Studierenden offenbar trotz besseren Wissens weiszumachen es würde sich für sie auch nur irgendein Vorteil aus dem Elitestatus ergeben. Das Wettbewerbsergebnis sagt in der Tat nichts über die Ausbildungsqualität aus, dieser Aussage ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Zur Ausbildungsqualität an der FU Berlin gibt es vielfältige Berichte – aber vielleicht spielt das auch Aufgrund des Elitestatus nun gar keine Rolle mehr?

Generation Praktikum

Der Tagesspiegel berichtet in seiner heutigen Ausgabe über die Situation von PraktikantInnen, mit deren Lage sich der Petitionsausschuss des Bundestages beschäftigt hat.

Sie kommen frisch von der Uni, rein in den Betrieb, 60-Stunden-Woche, Wochenendarbeit inklusive: In der Arbeitswelt von heute ist das keine Ausnahme mehr. Doch längst nicht überall stimmen Bezahlung und Zukunftschancen. Es gibt viele junge, gut ausgebildete Absolventen, die für diese Jobs überhaupt nicht mehr bezahlt werden.

Verwiesen wird dabei auf eine Studie von Dieter Grühn und Heidemarie Hecht aus dem Arbeitsbereich Absolventenforschung der FU Berlin:

Danach absolvieren 37 Prozent der Akademiker der FU Berlin und der Universität Köln nach ihrem Abschluss ein mehrmonatiges Praktikum. Der Anteil der Absolventen an den Praktikanten sei im Vergleich zum Jahr 2000 von 25 auf 41 Prozent gestiegen. Die Hälfte der untersuchten Vollzeitpraktika war demnach unbezahlt.

Die Studie ist online bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft erhältlich: Generation Praktikum? Prekäre Beschäftigungsformen von Hochschulabsolventinnen und -absolventen

Diese Studie enthält neben den zitierten Aussagen auch noch weitere Ergebnisse, unter anderem über die Situation von Frauen nach dem Studienabschluss:

Frauen führen deutlich häufiger Praktika durch. Von den Absolventinnen tun dies 44 Prozent, von den Männern hingegen nur 23 Prozent. Frauen machen auch deutlich häufiger mehrere Praktika, so sind es ausschließlich Frauen, die mehr als zwei Praktika ableisten.

In Berlin stoßen die AbsolventInnen auf einen eingeschränkten Arbeitsmarkt und müssen im Vergleich zu den AbsolventInnen in Köln häufiger ein Praktikum ableisten. Dabei liegt die Entlohnung der Praktikantinnen (falls das Praktikum überhaupt bezahlt wird) deutlich unter der der Praktikanten.

Die durchschnittliche Entlohnung der bezahlten Praktika liegt bei etwa 600 € (Frauen 543 € /Männer 741 €). Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler erhalten deutlich weniger als Wirtschafts- oder Naturwissenschaftler. Die Sicherung des Lebensunterhalts ist durch ein Praktikum also kaum zu gewährleisten.

Eine Absolventin eines geisteswissenschaftlichen Faches kann sich also in Berlin auf mehrere schlecht bezahlte Praktika nach ihrem Studium einstellen. Die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern liegen dabei sogar noch unter dem europäischen Durchschnitt, wie ein kurzer Blick auf den Gender Datenreport der Bundesregierung zeigt:

Gleich, welchen Datensatz man einer Analyse der Erwerbseinkommen zu Grunde legt, das Einkommen von Frauen liegt in Deutschland bei ungefähr gleicher Arbeitszeit mindestens 20 Prozent unter dem von Männern. Damit nimmt Deutschland mit Österreich und Großbritannien unter den EU-Staaten einen der letzten Rangplätze im Hinblick auf die Angleichung der Einkommen von Frauen und Männern ein.

Dazu auch ein Artikel der Financial Times Deutschland vom 01.02.2007: Uni geschafft – die Eltern zahlen das Praktikum

Weitere Berichte über die Studie aus dem Arbeitsbereich Absolventenforschung der FU Berlin im Tagesspiegel vom 02.02.2007: Billig und willig, in der Tagesschau am 01.02.2007 und bei Telepolis am 04.02.2007: Ausbeutung statt Ausbildung