Tag-Archiv für 'freie-universitaet-berlin'

Datenschutz an der Freien Universität Berlin

Im November berichtete „die tageszeitung“ über eine Kooperation der FU Berlin mit McKinsey und Boston Consulting. Die FU leitete Werbebriefe der Unternehmen an ausgewählte Studierende weiter:

Post von McKinsey bekam, wer das Vordiplom nicht schlechter als mit der Note 2,3 machte und nicht länger als 11 Semester studiert. Boston Consulting gab keine Note vor, sondern wollte die besten 10 bis 15 Prozent erreichen.

Zu dieser unrechtmäßigen Nutzung der Daten von Studierenden stellte der AStA FU am 12.11.2008 folgende Anfragen an das Präsidium der FU Berlin:

1.) In wievielen Fällen hat die FU in der Amtszeit Dieter Lenzens als FU-Präsident Werbepost von Unternehmen an Studierende verschickt?
2.) Welche Unternehmen waren beteiligt und wieviel Geld hat die FU jeweils entgegen genommen?
3.) An wieviele Studierende ging die Werbung von „McKinsey“ und von „Boston Consulting“?
4.) Gab es auch in der Vergangenheit vergleichbare Kooperationen mit „McKinsey“ und „Boston Consulting“?
5.) Wird die FU-Leitung weiterhin Werbung von Unternehmen an Studierende verschicken?
6.) Wird die FU-Leitung weiterhin Werbung von Unternehmen an vorab ausgewählte Studierende verschicken?

Der AStA FU verurteilt den Handel mit Daten Studierender und hält ihn für unrechtmäßig. Werbung hat in der Korrespondenz zwischen Universität und Studierenden zu unterbleiben. Die wiederholten Datenschutzpannen der FU zeigen Handlungsbedarf in Bezug auf die Respektierung bürgerlicher Freiheitsrechte.

Diese Anfrage ist zwar immer noch unbeantwortet, dennoch ist der FU-Leitung inzwischen wohl die Verletzung des Datenschutzes und der Chancengleichheit zu Bewußtsein gekommen.

Wiederum in der „tageszeitung“ wird nun unter dem Titel „Uni stoppt Werbung für McKinsey: Elite-Studis müssen sich wieder selbst um Jobs kümmern“ berichtet, dass die FU „bis auf weiteres“ davon Abstand nimmt „Einladungen von potenziellen Arbeitgebern an ausgewählte Studierende zu übersenden“.

Zur Informationspolitik der FU Berlin in dem geschilderten Fall: „Keine Auskünfte über Datenweitergabe – Die Uni schweigt“

Protest: Köhler an der FU

Der größte Hörsaal der Freien Universität (FU) Berlin war nur etwa zu zwei-dritteln gefüllt. Anders als in den letzten Jahren durften diesmal nur Studierende des ersten Semesters an der feierlichen Immatrikulationsveranstaltung (05.11.08) teilnehmen. Zudem mussten alle Gäste eine polizeiliche Datenüberprüfung über sich ergehen lassen. Hintergrund des enormen Sicherheitsaufgebots war der Gastredner – Bundespräsident Köhler.


Foto: Björn Kietzmann

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung kritisierte der lokale Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) die massiven Sicherheitsvorkehrungen rund um die Immatrikulationsfeier. Auch der Universitäts-Datenschutzbeauftragten bereitete der„übertriebene Sicherheitswahn“ Bauchschmerzen. Beim Bundespräsidialamt konnte man die Aufregung nicht verstehen. Eine Sprecherin erklärte auf Anfrage, dass es sich um eine Standardprozedur handle. Bei jedem Auftritt des Bundespräsidenten werden alle VeranstaltungsteilnehmerInnen, durch das Bundeskriminalamt überprüft.

In den vergangen Jahren hat es an der FU mehrfach Studierendenproteste im Rahmen der Immatrikulationsfeier gegeben. Dieses Mal wollte man wohl nichts dem Zufall überlassen, die Polizei war mit rund 15 Mannschaftswagen vor Ort. Der komplette Henry Ford Bau wurde in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt. Private Sicherheitskräfte standen mit Metalldetektoren am Hörsaaleingang und neben dem Redepult lungerten etwa ein Dutzend Zivilpolizisten.


Foto: Björn Kietzmann

Pünktlich um 10 Uhr betritt Köhler den Saal. Nach einem kurzen Posieren für die Kameras schreitet Uni-Präsident Dieter Lenzen ans Rednerpult. In seinem Redebeitrag geht es um die Geschichte der FU und das humboldtsche Bildungsideal. Lautes Klopfen unterbricht seinen Redefluss. Einige Studierende hatten es geschafft die Polizeiabsperrungen zu umgehen. Sie trugen ein Transparent auf dem sie freie Bildung forderten. Unbekümmert setzt Lenzen seine Rede fort, während hinter der Scheibe regelrechte Jagdszenen ausbrechen.


Foto: Björn Kietzmann

Ein junger Mann wird festgenommen. Der 21-jährige habe ein Plakat vor dem Körper gehalten, welches kein Impressum trug, erklärt die Berliner Polizei. „Gegen ihn wurde eine Ordnungswidrigkeitenanzeige wegen Zuwiderhandlung gegen das Pressegesetz sowie eine Strafanzeige wegen des Verdachts des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte gefertigt“. Zu einer weiteren Festnahme sei es bereits bei der Ankunft des Bundespräsidenten gekommen. Ein 23-jähriger Student soll aus circa 20 Meter Entfernung beleidigende Worte in Richtung der Fahrzeugkolonne des Bundespräsidenten gerufen haben. Der Polizeiliche Staatsschutz hat nun die Ermittlungen wegen „Verunglimpfung des Bundespräsidenten“ übernommen. Ein Vergehen das laut dem Strafgesetzbuch mit bis zu 5 Jahren Gefängnis geahndet werden kann.


Foto: Björn Kietzmann

Auch Horst Köhler hält eine Lobrede auf die Freiheit, schließlich hätten die meisten Studierenden Freiheiten, die sie später nie wieder haben werden. Im hinteren Hörsaalbereich wird ein Transparent entrollt: “Studiengebühren? Bachelor/Master? Rettungsfonds für Banken? Machen wir uns nicht zum Horst! Die Krise heißt Kapitalismus!“ Sicherheitskräfte schreiten zu den ProtestlerInnen – zerren zaghaft am Transparent. Doch Köhler pfeift sie zurück: “Lassen sie ruhig!“. Einer der wenigen Momente wo im Rahmen der Veranstaltung Protest geduldet wurde.

Vor dem Gebäude haben sich etwa 70 Menschen versammelt. Sie halten aus Protest eine “Offene Immatrikulationsfeier“ ab. Es kommt zu einer weiteren Festnahme: „Ihnen hab ich doch eben einen Platzverweis erteilt“ – raunzt ein Polizist eine Studentin an. Laut der Berliner Polizei, habe die Studentin den Beamten daraufhin getreten. Eine Anschuldigung die sie und auch andere Anwesende bestreiten. Es kommt zu Gerangel, die junge Studentin wird von zwei Polizisten in einen Polizeitransporter gezerrt. Die umstehenden etwa 15 Personen werden von der Polizei verdächtigt, sich einer versuchten Gefangenenbefreiung schuldig gemacht zu haben. Ermittlungsverfahren gegen unbekannt seien eingeleitet worden.


Foto: Björn Kietzmann

Einige Stunden verbringt die Studentin in Polizeigewahrsam. „Ich wurde in eine Einzelzelle gesperrt. Meine Fingerabdrücke wurde genommen und Fotos wurden angefertigt“, schildert sie das Erlebte. Wie der letzte Dreck sei sie behandelt worden, so habe man sie in der Gefangensammelstelle mit „Püppchen“ angeredet, ein Telefonat sei ihr auch nicht gestattet worden.

Weitere Fotos gibt es im Fickr-Fotostream von Björn Kietzmann.

AStA Rede zur Immatrikulationsfeier 2008: Die Universität kann nur als Teil der Gesellschaft verstanden werden

60 Jahre FU – AStA präsentiert eine Gegengeschichte!

fu 60 - astamagazin - titelbild

Am 4. Dezember 1948 wurde die Freie Universität Berlin gegründet. Die Gründung erfolgte durch die Studierenden selber, aus Protest gegen die zunehmende Stalinisierung der Lehrinhalte an der damaligen Universität unter den Linden (heute Humboldt-Universität). Die FU begann also als Gegen-Uni, Ergebnis eines Studierendenprotestes. Proteste und Kämpfe bestimmten auch ihre weitere Geschichte, von den 68ern über die großen Streiks der siebziger und achtziger Jahre bis hin zu den aktuellen Kämpfen um Studiengebühren und Bachelor-Reform.

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Wegen des großen Erfolges: Kontrollen am Bibliothekseingang

Das Aushängeschild der FU macht dicht: ab kommenden Montag werden in die Philologischen Bibliothek der FU nur noch ausgewählte Nutzer und Nutzerinnen hineingelassen: Nur noch Studierende des Fachbereiches Philosophie und Geisteswissenschaften sowie Leute mit ausgewählten und plausiblen Nutzungsthemen sollen die Eingangskontrollen passieren – so jedenfalls kündigt es eine Rundmail der Bibliotheksleitung an alle NutzerInnen an:

Sehr geehrte Damen und Herren,

zum Semesterende steigt die Zahl der fachfremden Benutzer in der Philologischen Bibliothek leider wieder so stark an, daß wir uns gezwungen sehen, ab Montag, den 4.2. bis auf weiteres den Zugang zur Bibliothek von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr auf Mitglieder unseres Fachbereichs zu beschränken. Nur so können wir unseren Studierenden, die auf die Nutzung der Präsenzbestände in der Bibliothek angewiesen sind, in der Prüfungszeit angemessene Arbeitsbedingungen ermöglichen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß wir zu den genannten Zeiten, wahrscheinlich für drei Wochen, vor dem Bibliothekseingang die Studentenausweise kontrollieren und andere Nutzer nach ihrer Fachbereichszugehörigkeit fragen werden. Da die studentischen Hilfskräfte, die diese Eingangskontrolle reihum übernehmen, Sie leider nicht alle kennen,
könnten auch Sie um einen Ausweis gebeten bzw. nach Ihrem Forschungsinteresse gefragt werden.

Nicht-Fachbereichsmitgliedern, die tatsächlich mit den Beständen der Philologischen BIbliothek arbeiten möchten, werden wir selbstverständlichweiterhin Zugang gewähren.

Mit der Bitte um Unterstützung für diese Maßnahme

und besten Grüßen

Diese Mail bietet einen Vorgeschmack auf das, was uns droht wenn tatsächlich an der FU immer mehr Bibliotheken zusammengelegt und zentralisiert werden. Im Gespräch ist bereits, alle Bestände des Fachbereich Politik und Sozialwissenschaften in der Universitätsbibliothek zu zentrieren (Vgl. Bericht hier). Dabei sollen nicht nur über 300.000 Bücher „aussortiert“ werden, sondern auch die Arbeits- und Leseplätze werden natürlich nicht mehr.

Gibt es also demnächst nur noch ein oder zwei Großbibliotheken an der FU mit Gesichts- und Themenkontrolle am Eingang? Absurde Zustände.

Die Freiheit, die ich meine? Diskussion zur FU-Gedenkpolitik

Di, 06.11.2007 | 18.00 Uhr
Henry-Ford II. -Bau, Hörsaal D (Garystraße 35)

Veranstaltet von der FSI Geschichte und dem AStA der Freien Universität Berlin

Am 06.09.2007 wurde hinter dem Henry-Ford Bau ein Freiheitsdenkmal enthüllt. Doch Freiheit für wen? FU-Präsident Lenzen widmete es zehn Anfang der 50er Jahre in der Sowjetunion ermordeten FU-Studierenden. Deren Namen tauchen jedoch am Denkmal nicht auf – wohl aber der Name des Sponsors: Bankhaus Oppenheimer.

Zudem gibt es die Vermutung, einige der zehn Studierenden wären Mitglieder der rechten „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ gewesen, der in der DDR Sabotageakte bis hin zu Sprengstoffattentaten zur Last gelegt wurden. Wem gilt nun das Denkmal? Freiheitskämpfern? Terroristen? Dem Bankhaus Oppenheimer? Wir fragen nach!

Es diskutieren:

Prof. Wolfgang Wippermann (Historiker und Autor)

Ralf Hoffrogge (FSI Geschichte, AStA FU)

FU-Präsident Prof. Dieter Lenzen (angefragt)

Moderation: Kerstin Bischl (reflect!, FSI Geschichte)

Hintergrundinformationen bei der FSI Geschichte an der FU Berlin:
Gedenken ohne Kontext – Geschichte an der FU

Freiheitskämpfer oder Terroristen? Ein “Denkmal” wirft Fragen auf.

Die tageszeitung berichtete am 20.10.2007 über die ersten Reaktionen des FU Präsidenten Dieter Lenzen zur Entscheidung der Exzellenz-Initiative:

Dennoch bemühte Lenzen sich, nicht allzu sehr aufzutrumpfen. Sein erster Gedanke, erklärte er, mit Stehkragen und schwarzem Jackett wie ein Priester gekleidet, hätte den Studenten gegolten, die bei der FU-Gründung ihr Leben ließen.

Zur Instrumentalisierung des Freiheits-Begriffs im Hochschulmarketing wurde bereits ein Freiheits-Preis vergeben und eine Freiheits-Rede angedroht. Inzwischen gibt es also auch das Freiheits-Denkmal an der „Freien“ (Alleinstellungsmerkmal!) Universität Berlin.