Archiv für September 2009

Die Glaslaube.

Ein neues Campushotel soll internationales Flair ins Dahlemer Dorf bringen
Sebastian Schneider und Felix Koch machen den ultimativen Elite-Check

Als der Chauffeur in die Takustraße einbiegt, reiben wir uns verwundert die Augen, stauben die Jacketärmel ab und lassen uns einen Cognac reichen. Wir haben extra unsere Gummistiefel eingepackt, um zwischen den Vorlesungen über den alten Fest- und Zirkuszeltplatz Dahlems zu bummeln. Die dörfliche Idylle des »deutschen Oxford im Grünen« (D. Lenzen) ist einem urbanen Vorboten aus Stahl und Glas gewichen. »Seminaris« prangt in schlichten Lettern, wo man früher beim bunten Treiben des Viehmarktes die Seele baumeln ließ. Wir beginnen zu recherchieren.

Gerade mal 38 Millionen Euro für die Umsetzung des Entwurfs eines vermeintlichen Star-Architekten. Einen Fonds braucht es dafür, die Uni stellt das Grundstück. Ein Vier-Sterne-Campus-Hotel mit 48 Angestellten, 372 Betten und 2600 qm Konferenzfläche im angegliederten Veranstaltungszentrum »The Dahlem Cube« um, wie FU-Präsident Lenzen meint, »Wissenschaft und Wohnen wieder mehr miteinander zu verbinden«.

Mit über 300 Menschen zusammen wohnen? Scheint eher Masse statt Klasse, doch komfortabler als ein Studentenwohnheim würde es schon werden, denken wir und entscheiden uns für eine Probeübernachtung. Wir schreiten durch den Haupteingang und stehen vor einem toten Ende aus unverputztem Beton. Gepäcktrollis parken im Raum. Um zur Rezeption zu kommen, müssen wir Treppen steigen. Oben schwirrt Personal umher, als seien wir in der Küche gelandet. Es gebe drei Suiten à 155 Euro, sagt ein junger Mann mit Anzug von der Stange, in der Auslage hinter ihm liegen Boulevard-Zeitungen. »Wir nähmen dann alle drei.«

Während sich der Chauffeur ums Gepäck kümmert, wird uns der Verschließmechanismus mit einer schnöden Plastikkarte erklärt. Als sich die Tür öffnet, fallen wir beinahe aus den Valentino-Puschen. »Die Suite« erinnern wir höflich, doch die Enttäuschung scheint im Preis inbegriffen. In allen dreien derselbe Anblick: Zwei Zimmer und ein Bad teilen sich rund 30 m2, die Einrichtung so stilsicher wie im »Motel One«. Die Kochnische bietet einen 2007er Dornfelder an Salzstangen und verfügt auch über eine Mikrowelle. Hier soll sich der ermüdete Leistungsträger wohl nachts eine Asia Box aufwärmen. Die Räume sind zwar zu klein um vernünftig zu putten, aber immerhin ist der Etagenflur menschenleer. Danach ist Zeit für die Hotelbar.

Die nennt sich »Faculty Club« und ist mit Gips-Repliken antiker Büsten verziert. In der Mitte des Raumes steht ein elektronischer Flügel. Auf den Teppich, in geschmacksneutralem blau-violett, ist das Motto von Seminaris in unendlicher Wiederholung gedruckt: »Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.« Esoterik meets Ikea meets S-Bahn-Polster. Menschen begegnen wir nicht – trotz bevölkerungswirksamer Happy Hour. Bei zwei Martini zum Preis von einem lassen wir das Geschäftskonzept von Seminaris auf uns wirken: Wohnen, Arbeiten, Feierabend-Getränk, Restaurant, die Ausstellung »Dahlems Helle Köpfe« und sogar eine Zweigstelle der Post treffen hier aufeinander. Gäbe es noch einen Supermarkt, wäre es konzeptionell nicht zu unterscheiden vom gesamtintegrativen Ansatz eines sozialistischen Plattenbaukomplexes. Darüber können auch die unfunktionalen Metallstreben im Innenhof nicht hinwegtäuschen, an denen dürre Rankpflanzen vor grauen Bastsesseln aufstreben.

Am nächsten Morgen weckt uns das Geräusch eines Staubsaugers vom Nebenzimmer. Auf dem Flur ist die Luft stickig und schwül, die knallende Sonne verwandelt die Glaslaube ins Treibhaus. Beim Auschecken fragen wir nur mehr spaßeshalber nach ausleihbaren Manschettenknöpfen, denn das Urteil ist längst gefällt: Elite schreibt sich mit fünf Buchstaben. Und so viele Sterne sollte ein Hotel schon haben.

Weitere Informationen bei der FU Berlin

Artikel erschienen im Out Of Dahlem Nr. 9