Offener Brief zu den Änderungen im Diplomarbeitsverfahren am Otto Suhr Institut

Studentische Studienberatung Otto-Suhr-Institut

Offener Brief

Änderung der Regelungen für Zweitgutachten im Diplomarbeitsverfahrens (DPO 2003/06; Änderungsordnung 2007/08)

Berlin, den 07.01.2009

Sehr geehrte Damen und Herren,

während des Anmeldeverfahrens für die Diplomprüfung am 5./6.01 2009 wurde bekannt, dass grundsätzlich keine externen Gutachter_innen mehr für Diplomarbeiten zugelassen werden. Dies wurde mit einem Schreiben des Rechtsamtes der Freien Universität vom 19.12.2008 – welches mir bisher nicht vorliegt – begründet. Nach Informationen des Prüfungsbüros begründet sich diese Neuerung mit der Tatsache, dass es keine entsprechende Regelung in den Studien- und Prüfungsordnungen für den modularisierten Diplomstudiengang (DPO 2003/2006; Änderungsordnung 2007/08) gäbe und daher die Regelungen der Berliner Hochschulgesetzes (BerlHG) gelten würden, welche die Prüfungsberechtigten auf Institutsangehörige beschränke. Infolge dessen haben sich vermehrt Kommiliton_innen an mich gewandt.

Zunächst möchte ich mich zu diesem Sachverhalt grundsätzlich positionieren: In der Vergangenheit haben viele Kommiliton_innen auf die Möglichkeit einer_eines externen Zweitgutachters_in zurückgegriffen, um die inhaltliche Betreuung ihrer Arbeit zu gewährleisten. Sowohl von Seiten des Prüfungsbüros, als auch in meiner Beratung wurde den Kommiliton_innen bisher immer geraten externe Gutachter_innen vorzuschlagen, wenn es sich inhaltlich und organisatorisch als sinnvoll erweist. Dies war in der Vergangenheit gängige Praxis am OSI. Die aktuelle Neuerung kommt überraschend und für viele Kommiliton_innen zu kurzfristig.

Schließlich bestand zwischen dem 19.12.2008 und dem Anmeldzeitraum am 5./6.01.2009 kein regulärer Universitätsbetrieb. Zudem wurde nicht einmal die studentische Studienberatung von dieser sehr einschneidenden Neuerung in Kenntnis gesetzt. Diese kurzfristige Änderung stellt gerade für Studierende, die sich gemäß der bisher zugänglichen Infos mit einer_einem externen Zweitprüfer_in für den kurzen Durchgang angemeldet haben eine ziemlich prekäre Situation dar. Neben diesen organisatorischen Auswirkungen ist der Ausschluss institutsexterner Wissenschaftler_innen vom Prüfungsverfahren gerade in Zeiten zunehmend verkündeter Interdisziplinarität, Internationalität und Flexibilität der universitären Lehre und Forschung ein politisch höchst merkwürdiges Signal.

Zudem entspricht eine solche Regelung in keinster Weise den bestehenden Betreuungskapazitäten am OSI. Zum Einen ist es aufgrund der allgemeinen zeitlichen Überlastung stets schwierig für die Diplomarbeit eine_n Betreuer_in zu finden. Zum Anderen werden manche inhaltlichen Teilgebiete nicht durch eine institutsinterne Professur abgedeckt, was die inhaltlich sinnvolle Betreuung so mancher Diplomarbeiten nicht gewährleistet (Dies betrifft z.B. Themenfelder wie Afrika-Studien, Queer-Theory, Postcolonial Studies).

Schließlich widerspricht eine solche Regelung dem Anspruch an die Diplomarbeit als einer wissenschaftlich eigenständigen Arbeit. Das selbständige Suchen einer wissenschaftlichen Betreuung wird damit unterbunden und somit ein weiterer Schritt in Richtung einseitigem Schmalspurstudium getan.

Nun, möchte ich auf die formal-rechtliche Ebene dieser Neuerung eingehen:
Grundlage der hier thematisierten Änderung scheint ein Schreiben vom Rechtsamt zu sein, dessen Argumentation sich mir auf Basis der mir zur Verfügung stehenden Informationen nicht erschliesst. In den Studien- und Prüfungsordnungen von 2003, 2006 und der Änderungsordnung von 2007/08 werden tatsächlich keine genauen Bestimmungen zur den Prüfungsberechtigten bei einer Diplomprüfung aufgeführt. Sollte nun damit der Fall eintreten, dass die Bestimmungen des BerlHG gelten, dann stützt dies nicht die These der notwendigen Beschränkung auf interne Prüfer_innen. Im §32 der aktuellen Fassung des BerlHG vom 22.07.2007 zur Durchführung von Hochschulprüfungen steht lediglich :

(1)
Die Organisation der Prüfungen obliegt Prüfungsausschüssen, in denen Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen die Mehrheit der Stimmen haben und ein Hochschullehrer oder eine Hochschullehrerin den Vorsitz führt.

(2)
Prüfungsleistungen dürfen nur von Personen bewertet werden, die mindestens die durch die Prüfung festzustellende oder eine gleichwertige Qualifikation besitzen.

(3)
1 Zu Prüfern oder Prüferinnen werden Hochschullehrer oder Hochschullehrerinnen und habilitierte akademische Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen bestellt.
2 Davon abweichend dürfen nichthabilitierte akademische Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen und Lehrbeauftragte zu Prüfern oder Prüferinnen nur bestellt werden, soweit sie zu selbständiger Lehre berechtigt sind und wenn Hochschullehrer oder Hochschullehrerinnen oder habilitierte akademische Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen für Prüfungen nicht zur Verfügung stehen.
3 Studienbegleitende Prüfungen können auch von den jeweiligen Lehrkräften abgenommen werden.

(4)
Die Prüfungsordnungen können vorsehen, dass in der beruflichen Praxis und Ausbildung erfahrene Personen auch dann zu Prüfern oder Prüferinnen bestellt werden können, wenn sie keine Lehre ausüben

Hier findet sich meines Erachtens kein Verweis darauf, dass nur interne Prüfer_innen zugelassen sind. Zudem wird der Personenkreis, der Hochschulprüfungen vornehmen kann, in Abs. 4 sogar noch erweitert. Ausserdem spricht der Abs. 1 dem Prüfungsausschuss die Organisation von Prüfungsangelegenheiten zu – nicht dem Rechtsamt.

Ich fordere die zuständigen Gremien dazu auf, der Sache im Hinblick auf eine genaue Klärung des Sachverhaltes nachzugehen und darauf hinzuwirken, diese unzumutbare und wissenschaftsfeindliche Neuerung rückgängig zu machen.

Diesbezüglich schlage ich vor die Studien- und Prüfungsordnungen von 2003/2006 und die Änderungsordnung von 2007/08 um einen Passus bezüglich der Diplomprüfungsberechtigung zu ergänzen. Hierzu kann die Regelung der Prüfungsordnung von 1992 als Vorbild dienen. Im § 5 „Prüfer“ dieser Ordnung wird die Frage, wer prüfungsberechtigt ist, geregelt. Der letzte Abschnitt des Abs. 2 erlaubt die Begutachtung durch externe Prüfer_innen: „[…] In fachlich begründeten Fällen kann der Prüfungsausschuss einen dem Otto-Suhr-Institut nicht angehörenden Wissenschaftler, der zur Abnahme von Prüfungen berechtigt ist, zum Prüfer bestellen. Dies gilt nicht für den Erstgutachter der Diplomarbeit und den Vorsitzenden der Prüfungskommission für die mündlichen Prüfungen.“ (Bei einer Übernahme diese Paragraphen in die neueren Ordnung sollte auf das Einsetzen geschlechtergerechter Sprache geachtet werden.)

Für die sich zurzeit im Diplomprüfungsverfahren befindlichen Kommiliton_innen muss zudem eine annehmbare Übergangsregelung getroffen werden, die sie nicht in ihrem Arbeitsprozess zurückwirft. Es kann nicht sein, dass in ihrer Prüfungsphase stehende Kommiliton_innen aufgrund der neuen Regelung ihren Abschluss verschieben müssen, nur weil die Betreuungsfragen neu geklärt werden muss. Schließlich finden ja bereits vor der Anmeldung die ersten Betreuungsgespräche mit den Gutachter_innen statt. Die Besprechung der Diplomarbeitsvorhaben mit anderen Gutachter_innen stellt eine organisatorisch und gegebenenfalls auch inhaltlich nicht hinnehmbare Behinderung der wissenschaftlichen Arbeiten dar.

Mit freundlichen Grüßen
Inga Nüthen
Studentische Studienberatung