Bologna schafft Wahlfreiheit in Berlin ab

Seit der Bologna-Studienreform ist es nicht mehr möglich, das Zweitfach an einer anderen Berliner Hochschule zu studieren. Eine Studentin will gegen diese rechtswidrige Einschränkung klagen.

Keine Anrechnung von Studienleistungen

Natalie W. studiert Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität (FU) Berlin. Sie würde als Nebenfach gerne Afrikawissenschaften wählen. Da es ein solches Institut an der FU nicht gibt, versucht sie es an der HU und wird mit der schlichten Begründung abgelehnt, das ginge nicht. Selbst die Anrechnung eines Sprachkurses der Afrikawissenschaften in ihrem Kernfach würde von der FU-Verwaltung geblockt. Nun will sie klagen. Sie ist nicht die Einzige: Eine Studentin, die gerne ihr bereits in Potsdam begonnenes Philosophie-Studium dort abschließen wollte, musste wegen ihres Zweitfachs Gender Studies auch mit ihrem Kernfach an die Humboldt-Universität wechseln. Dort muss sie nun den vorgegebenen Schwerpunkt Logik nachholen, obwohl sie ihr Studium in Potsdam schon fast abgeschlossen hat und dort ihren Wunschschwerpunkt Ethik studieren könnte. Ihre Bemühungen um eine Ausnahmeregelung wurden abgelehnt. Die Verwaltung unterstellte ihr sogar, aus reiner Faulheit das Studium splitten zu wollen.

Bologna-Ziele verfehlt

Eine Überschreitung der Regelstudienzeit ist so nicht zu vermeiden. Das Bologna-Ziel einer Flexibilisierung des Studiums wird damit ad absurdum geführt. Die bevormundende Praxis der Verwaltung ist unzumutbar. so Lena Müller vom ReferentInnen-Rat der Humboldt-Universität. Seit der Studienreform ist das Splitting zwischen den Berliner Hochschulen – früher gängige Praxis – nicht mehr möglich. Dabei hat die Studienreform durch die Profilierungsbestrebungen der Fächer auch dazu geführt, dass gleichnamige Studiengänge an den verschiedenen Hochschulen sehr unterschiedliche Schwerpunkte haben.

Eingeschränktes Lehrangebot und fehlende Auswahlmöglichkeiten

Durch die Modularisierung ist auch die Auswahl der Lehrangebote während des Studiums im Vergleich zu den alten Studiengängen eingeschränkt und die Anerkennung von Studienleistungen an anderen Hochschulen erschwert worden. Außerdem ist das Lehrangebot im Bachelor an allen Universitäten gesunken; an der Humboldt-Universität gibt es beispielsweise nur noch etwa halb so viele Bachelorfächer wie früher Magister. Das Interesse vieler Studierenden zugleich an verschiedenen Hochschulen zu studieren ist also mehr als nachvollziehbar. Die Verwaltung der Humboldt-Universität sieht dies jedoch anders: Auf Anfrage von Studierendenvertreter_inne_n wurde erklärt, es sei nicht im Interesse der Studierenden, weite Fahrwege zu einer anderen Hochschule zurückzulegen. Daneben sei die zeitliche Kombinierbarkeit der Modulangebote nicht gewährleistet. Diese Argumente bevormunden nicht nur die Studierenden. Sie entbehren zudem jeglicher Grundlage: Fahrtzeiten von Mitte bis Adlershof sind länger als nach Dahlem und die Kombinierbarkeit von Fächerangeboten ist auch innerhalb einer Universität nicht gegeben, wie die im Sommer 2006 an der Humboldt-Universität durchgeführte Studierbarkeitsstudie zeigt, erklärt Sebastian Schneider vom AStA der Freien Universität.

Studiengangsplitting als Normalfall?

Die einschränkende Praxis der Berliner Hochschulen widerspricht zudem dem Berliner Hochschulgesetz und den Rot-Roten Koalitionsvereinbarungen: Das BerlHG betrachtet Studiengangsplitting als Normalfall (vgl. BerlHG §14 Abs. 5 Satz 1 und §22 Abs. 1 Satz 2) und die Koalitionsvereinbarung will den Abschottungstendenzen der Hochschulen entgegenwirken:

Die Studienstrukturreform muss die flexible wechselseitige Anerkennung von Studienleistungen zwischen den Hochschulen sicherstellen. Die Modularisierung soll Auswahlmöglichkeiten für Studierende erweitern[…].

Um das BerlHG zu umgehen, erlauben sich die Universitäten einen juristischen Kniff: die BA-Nebenfächer seien keine Teilstudiengänge im Sinne des BerlHG, da keine Fächer kombiniert würden, sondern Modulangebote. Es gebe also keine separate Teilstudiengang-Immatrikulation sondern lediglich eine Registrierung in den Modulangeboten. Die Berliner Verwaltungsgerichte, die bekannt sind für die kreativ-konservative Auslegung rot-roter Hochschulgesetzgebung, folgten hier in einem Beschluss der Auffassung des FU-Präsidiums. Dabei erklärt das Berliner Hochschulgesetz eindeutig, dass Bachelor-Zweitfächer Teilstudiengänge sind, empört sich Christian Meyer vom AStA der Technischen Universität.

Die Konferenz der Berliner ASten (LAK) verurteilt das einschränkende und bevormundende Verhalten der Berliner Universitätsverwaltungen und erklärt: Es sollte nach einer berlinweiten Lösung gesucht werden, die den Studierenden wieder größtmögliche Wahlfreiheit und ein flexibel und individuell gestaltetes Studieren ermöglicht. Dies ist in den Bologna-Zielen so vorgegeben. Die einzigartigen Studien- und Kombinationsmöglichkeiten dieser Stadt werden derzeit unnötig und unsinnig eingeschränkt. Wir fordern die Universitäten auf, ihre Blockadehaltung aufzugeben und mit uns zusammen nach einer sinnvollen Lösung zu suchen.