Vertrauen ist Gut, Kontrolle ist besser: Die FU Berlin nimmt ihre Promovierenden stärker an die Leine

Wie lange dauert eine Promotion? Obwohl laut einer Umfrage der Uni Marburg nur zwei Prozent der Doktoranden innerhalb zwei Jahren fertig sind und die Durchschnittsdauer sogar bei vier bis fünf Jahren liegt, ermahnt die FU Berlin bereits nach Ablauf des zweiten Jahres ihre Promovierenden mit einem Gängelschreiben. Die „Regelbearbeitungszeit“ sei abgelaufen, heißt es im Formbrief. Man werde deshalb die Deregistrierung vornehmen, wenn der oder die Studierende keine Bestätigung des Promotionsbüro über eine Verlängerung beibringen könnte.

Erfassung und Kontrolle

Was hat es mit diesen Briefen auf sich? Grundlage ist eine Änderung der „Satzung für Studienangelegenheiten“ der FU, die bereits im Jahr 2006 verabschiedet wurde. Dort heißt es in §10, Absatz 3:

Überschreitet eine Doktorandin oder ein Doktorand die in der jeweiligen Promotionsordnung vorgesehene Regelbearbeitungszeit für die Dissertation, so hat sie oder er bei der Studierendenverwaltung eine Bescheinigung des Promotionsausschusses vorzulegen, aus der der Bearbeitungsstand der Dissertation und die voraussichtlich noch erforderliche Bearbeitungszeit hervorzugehen haben. Wird die Bescheinigung innerhalb von drei Monaten nach Aufforderung zur Beibringung aus von der Doktorandin oder dem Doktoranden zu vertretenden Gründen nicht vorgelegt, erlischt die Zulassung zur Promotion.

Diese Klausel wird jedoch erst jetzt für die neuen Promovierenden wirksam, deren meist zweijährige „Regelbearbeitungszeit“ mittlerweile abgelaufen ist. Für Doktoranden, die vor 2006 ihr Promotionsstudium begannen, gilt die Regelung nicht. Sie können weiter ohne regelmäßige Verlängerungen weiterstudieren.

Laut Informationen der FU-Verwaltung verläuft die Verlängerung formlos, es reicht ein Schreiben des zuständigen Promotionsbüros, die Verlängerungsperiode kann auch mehrere Semester betragen, je nach Antrag des Studierenden. Eine rechtliche Grundlage für Exmatrikulationen gibt es noch nicht, bisher sei auch noch kein Antrag auf Verlängerung abgelehnt worden. Grund der Maßnahme ist eine Änderung des Hochschulrahmengesetzes, die Promovierende zu Mitgliedern der Hochschule erklärt. Seitdem werden Promovierende nicht mehr nur dezentral am Fachbereich erfasst, sondern auch zentral registriert und. auf Wunsch auch mit vollem Studierendenstatus samt Semesterticket etc. immatrikuliert.
Bereits bei der Satzungsänderung vor zwei Jahren bemängelte der AStA die Neuregelung im AStA FU-Blog als nachteilig für die Studieren. Kritisiert wurde einerseits die Tatsache, dass eine Anmeldung zur Promotion erst dann erfolgen kann, wenn Thema und BetreuerIn bereits gefunden bin – seitdem entsteht für viele Promotionswillige zwischen Abschluss und Promotionsstudium eine Lücke mit unklarem Krankenversicherungsstatus. Aber auch Aufwertung der Regelbearbeitungszeit stand schon damals in der Kritik. Jetzt, wo die Regelung tatsächlich greift, wird klarer warum.

Zwangsexmatrikulation für Doktoranden?

Die Notwendigkeit der Verlängerung scheint zwar im Moment noch eine lästige Formalie zu sein: nach zwei Jahren muss ein Promotionsstudium verlängert werden, harte Sanktionen gibt es nicht, zudem wird die Regelung bisher recht kulant gehandhabt. Zu bedenken ist dennoch, das mit der Neuregelung die in den Promotionsordnungen der Fachbereiche festgehaltene formale „Regelbearbeitungszeit“ erstmals eingefordert und überprüft wird.
War vor 2006 eine zentrale Registrierung aller Promovierenden nicht möglich, so verfügt nun die FU-Verwaltung erstmals über einen direkten Zugriff auf die Promovirenden und macht ihr Weiterstudium von Bedingungen abhängig. Parallelen zur Einführung der Zwangsexmatrikulation drängen sich auf: erst erfolgte die Statistische Erfassung der Langzeitstudierenden, dann die Pflicht zur Zwangsberatung, und erst im letzten Schritt die Einführung der Zwangsexmatrikulation an der FU im Jahr 2002. Es ist also zu befürchten, das auch die zur Zeit noch formlose Verlängerung einer Promotion bald mit schärferen Sanktionen verbunden wird. Die Zwangsexmatrikulation auch für Promovierende ist also für die Zukunft nicht auszuschließen. Wie bei so vielen Verschlechterungen hängt es auch hier vom Widerstand der Betroffenen ab, wie sich die Dinge entwickeln.

Regelbearbeitungszeit als Fiktion

Ähnlich wie die Regelstudienzeit im Erststudium ist auch die Regelstudienzeit eine Fiktion. Kaum eine Promotion ist in zwei Jahren fertig, selbst Stiftungen und Stipendiengeber gewähren überwiegend eine Verlängerung der Förderung auf drei Jahre, der Durchschnitt liegt wie gesagt eher bei fünf Jahren. Auch der Trend geht nicht zu kürzeren Promotionsdauern, im Gegenteil. In Zeiten zunehmender Prekärisierung auch und gerade unter AkademikerInnen werden die Promotionszeiten insgesamt länger. Nur noch selten können Doktoranden im Rahmen einer bezahlten Stelle als wissenschaftliche MitarbeiterInnen promovieren, immer mehr müssen sich mit prekären Jobs über Wasser halten und nur einen Teil ihrer Arbeitskraft der Promotion widmen. Aber auch für die bezahlten MitarbeiterInnen ist der Promotionsalltag nicht einfach: chronischer Personalmangel zwingt zur Übernahme von immer mehr Lehrtätigkeiten oder Verwaltungsaufgaben wie etwa das Einwerben von Finanzmitteln. Oftmals verschlingen diese Aufgaben so viel Zeit, dass für die eigene Forschungsarbeit kaum noch Zeit bleibt.
Selbst unter günstigen Umständen ist also eine „Regelbearbeitungszeit“ von zwei Jahren kaum machbar. Statt also diese ohnehin fiktive Frist repressiv zur Norm zu erheben, sollte diese Begranzung abgeschafft oder zumindest auf einen realistischen Wert von fünf Jahren erhöht werden.

Trend zur Verschulung auch bei der Promotion

Die Aufwertung der Regelbearbeitungszeit reiht sich ein in eine Tendenz zur zunehmenden Regulierung und Verschulung auch der Promotion. Bisher sind nur Umrisse erkennbar: immer mehr Universitäten richten sogenannte „Graduate Schools“ ein, bei der die Studierenden in den Institutsbetrieb eingebunden sind, selbst lehren, allerdings auch selbst Kurse belegen müssen. Dies kann, insbesondere wenn es mit einer Finanzierung einher geht, ein Gewinn für die Studierenden sein. Andererseits erhöht sich die institutionelle Abhängigkeit der Promovierenden, sie finden sich oftmals in ein Programm gezwängt, das mit ihren wissenschaftlichen Interessen nur bedingt übereinstimmt. Anstatt nach Jahrelangem Studium endlich eine Rolle als selbständig Forschende einzunehmen, sind sie wiederum auf einen Status als SchülerIn reduziert. In den USA ist dies bereits üblich, Graduate Schools dort verlangen die Teilnahme an einem bis zu dreijährigem Kursprogramm unter relativ strikter Aufsicht der Universität. Mag dies noch Sinn machen angesichts der Tatsache, das manche Universitäten auch Bachelor-AbsolventInnen in ihre Promotions-Programme aufnehmen, so ist diese Tendenz im deutschen System eher befremdlich.
Das System Graduate School und die Aufwertung der Regelbearbeitungszeit haben eins gemein: sie erhöhen die Kontrolle der Institution über die Promovierenden. Anstatt nur der Willkür ihres Doktorvaters bzw. der Doktormutter ausgeliefert zu sein, tauchen nun zusätzliche Regulatorien auf. Diese regulieren jedoch keineswegs das leider immer noch durch feudale Unterordnung geprägte Verhältnis von BetreuerInnen und Promovierenden, sondern stellen sich als zusätzlicher Zwang dar.
Im Moment ist diese Tendenz eher verhalten: die Kontrolle der Regelbearbeitungszeit ist an der FU eher formal, das im Aufbau begriffene System von Graduate-Schools und Kollegien ist einerseits optional, andererseits bietet es auch Vorteile für die Studierenden – etwa in Form von finanzieller Absicherung und besserer Betreung. Zu befürchten ist jedoch, dass infolge weiter Reformen die Graduate School mit integrierter Zwangsexmatrikulation zum Normalzustand wird. Hier sind Promovierende, Studierende und WissenschaftlerInnen gleichermaßen gefragt, um weitere Verschulung zu verhindern. Diese hat im Bachelor/Master schon genug Schaden angerichtet und die Lehr- und vor allem die Lernfreiheit über alle Gebühr eingeengt. Wissenschaft braucht Wissenschaftsfreiheit. Und angesichts immer härterer Regulierungen, Einschränkungen und außerwissenschaftlicher Einflüsse im Zuge der jüngsten Reformen gilt es, diesen eigentlich selbstverständlichen Grundsatz entschiedener zu verteidigen.


1 Antwort auf “Vertrauen ist Gut, Kontrolle ist besser: Die FU Berlin nimmt ihre Promovierenden stärker an die Leine”


  1. 1 Christoph 19. Januar 2009 um 21:50 Uhr

    Leider kann ich folgendes nicht bestätigen:

    Ich bin seit Mai 2005 zur Promotion an der FU zugelassen und erhielt dennoch im Sommer 2008 die Aufforderung, ich möge doch bitte jenen Schrieb vom Prüfungsbüro beischaffen…

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