Archiv für April 2008

Protestsemester 2008

Das Sommersemester 2008 hat begonnen! Damit startet auch das auf der Vollversammlung am Aktionstag beschlossene Protestsemester. Los geht’s schon kommende Woche mit Vollversammlungen an Instituten und Fachbereichen, also achtet auf Terminankündigungen!

Weitere Infos:
http://www.freie-bildung-berlin.de
http://www.uniprotest.de
http://aktionstag.blogsport.de

Von Bologna nach Barcelona: Proteste gegen europäische Konferenz der Uni-PräsidentInnen

Vom 27.-29. März 2008 fand im katalanischen Barcelona die Frühjahrskonferenz der „European University Association“ (EUA) statt. Hier diskutierten 400 europäische HochschulrektorInnen und UnipräsidentInnen gemeinsam mit UnternehmensvertreterInnen über die Weiterführung des „Bologna-Prozesses“. Als Gegenveranstaltung dazu organisierten Studierende aus den verschiedenen Hochschulen der Stadt das „Fòrum Social per la Universitat Pública“ (Sozialforum für die öffentliche Universität). Im Forum wurde über die Rolle des Bologna-Prozesses bei der zunehmenden Kommerzialisierung des Universitätswesens diskutiert. Auch zwei Mitglieder des AStA FU Berlin waren angereist und gaben die deutschen Erfahrungen mit Bachelor, Bologna und Universitätsreform weiter.


Forum Social im Innenhof der Universität Barcelona (UB)


Bologna und die Kritik daran

Der Bologna-Prozess, angestoßen durch die im Jahre 1999 verfasste Bologna-Erklärung der europäischen BildungsministerInnen, hatte sich seinerzeit die Schaffung eines „einheitlichen europäischen Hochschulraumes“ zum Ziel gesetzt. Durch die europaweite Einführung des Bachelor-Master Systems sowie ein Leistungspunktesystem namens „European Credit Point Transfer and Accumulation System“ (ECTS) sollten die europäischen Bildungssysteme einander angeglichen werden. Mehr Internationalität und Flexibilität sowie globale Anerkennung der Abschlüsse wurden damals versprochen.

Studierendenvertreter in Deutschland kritisierten schon zu Beginn des Prozesses nicht nur die autoritäre Top-Down Umsetzung der Vorgaben, sondern vor allem auch die zunehmende Warenförmigkeit von Bildung: die ECTS-Punkte seien eine Vorbereitung auf Studienkonten und Studiengebührensysteme, die neuen Abschlüsse dienten vor allem dazu, zahlungskräftige internationale Studierende als Kunden anzulocken und die Stellung der europäischen Universitäten in einem sich formierenden Weltmarkt für Bildung zu stärken. Diese Befürchtungen sind bis heute nicht ausgeräumt. Studiengebühren sind auf dem Vormarsch, der Einfluss der Wirtschaft auf die Unis steigt stetig.
Das eigentliche Ziel des Bologna-Prozesses, nämlich eine weitgehende Homogenisierung der verschiedenen Hochschulsysteme, ist jedoch wenig vorangekommen. Selbst innerhalb Deutschlands gleichen sich die neuen Studiengänge nur dem Namen nach, im europäischen Rahmen sind die Differenzen noch größer. Gleichzeitig zeigt sich allerorten der überhastete und chaotische Charakter der Reform. Die Flexibilität und Wahlfreiheit der Studierenden nahm nicht zu, sondern insbesondere in Deutschland massiv ab. Selbst Konservative und Mainstream-Medien diskutieren mittlerweile zunehmend über ein Scheitern des Prozesses.

Forum Social per la Universitat Publica – Sozialforum für öffentliche Universitäten

Beim Forum Social in Barcelona, das sich explizit die Verteidigung der öffentlichen Universitäten zum Ziel gesetzt hatte, standen insbesondere die Entwicklungen hin zu Kommerzialisierung und Bildungsmarkt im Vordergrund. Kritisiert wurden der zunehmende Einfluss von Banken und Unternehmen, die einen wesentlichen Motor der aktuellen Reformen darstellten und mit Drittmitteln die Lehrinhalte beeinflussten. Sehr plastisch wurde von mehreren linken Wirtschaftsprofessoren (eine Spezies, die in Barcelona noch nicht komplett ausgestorben scheint) die zunehmende Senkung des Niveaus und die Entwissenschaftlichung des Studiums dargestellt, die sich durch eine rein nach dem Bedarf der Wirtschaft orientierte Ausbildung ergebe. In einigen Universitäten Spaniens gebe es sogar Masterstudiengänge, die nach den entsprechenden geldgebenden Großunternehmen benannt seien.

Vollsperrung der Uni und Rangeleien mit der Polizei

Die Aufmachung der offiziellen EUA-Konferenz trug nichts dazu bei, diese Befürchtungen zu entkräften: mit der „Caixa Catalunya“ trat eine der größten katalanischen Banken prominent als Sponsor der Konferenz auf. Dies schürte natürlich den Unmut der Studierenden. Neben den Diskussionen auf dem Forum Social wurden in zwei Fällen die Sitzungen der Konferenz gestört, Protestierende drangen ein und verlasen Protestresolutionen. Als Reaktion darauf riegelte die katalanische Regionalpolizei „Mossos d´esquadra“ das Hauptgebäude der Universitat Barcelona komplett ab und erlaubte für die Dauer der Sitzungen nur akkreditierten KonferenzteilnehmerInnen den Zugang. Im Anschluss an diese Aussperrung kam es zu weiteren Rangeleien zwischen Polizei und Studierenden, jedoch nicht zu ernsten Zwischenfällen.

Blockade UB 2
Vollsperrung der Universität Barcelona duch Polizei und Wachschutz

Die Proteste waren nicht auf Eskalation angelegt, es ging den OrganisatorInnen des Forum Social vor allem um eine wirksame Diskussionen und Artikulation ihrer Kritik. Kurzerhand wurde daher die Debatte am morgen des dritten Tages in Form eines Teach-In vor das polizeigeschützte Universitätsgebäude verlegt.
Hier wurde dann weiterdiskutiert, Schwerpunkt war unter anderem die mangelhafte studientische Mitbestimmung in den Universitätsgremien sowie die Frage, wie eine ökologische und geschlechtergerechte Uni aussehen könnte.

Mitbestimmung oder Nichteinmischung?

Was den ersten Punkt angeht sind die Erfahrungen in Barcelona sehr ähnlich wie bei uns: es gibt zwar studentische Vertreter in den Gremien, diese haben jedoch nur eine Minderheit der Sitze und keinerlei reale Veto- oder gar Gestaltungsmacht. Viele Entscheidungen würden zudem intransparent und an den Gremien vorbei getroffen. Gleichzeitig sei es angesichts dieser Zustände sehr schwierig, Studierende für die Mitarbeit zu gewinnen, selbst für die wenigen studentischen Gremienplätze fänden sich nicht ausreichend KandidatInnen, vorherrschend sei Desinteresse.

Selbstkritisch muss man zugeben, dass dies auch für das Forum Social galt: Zwischen 50 und 200 Studierende namen jeweils an diesen Debatten teil, nur eine sehr geringe Minderheit der Studierenden insgesamt. Das event selbst war während der Osterferien improvisiert und kurzfristig angekündigt worden, eine lange Werbe- und Vorlaufzeit hatte es nicht gegeben weil das Treffen innerhalb der Studierendenschaft erst kurzfristig bekannt wurde. Zusätzlich fehlen in Barcelona zentrale, mit eigenen Geldmitteln ausgestattete Studierendenvertretungen wie die deutschen ASten. Sämtliche Kopier und Druckkosten mussten daher von den Beteiligen Personen und Organisationen selbst aufgebracht werden – was ebenfalls eine intensive Werbung erschwerte.

Medienecho in Katalonien

Dennoch wurden gerade auf regionaler Ebene die Proteste und das Forum Social von den Medien stark wahrgenommen. Im Regionalteil der größten spanisschprachigen Tageszeitung „El Pais“ sowie in verschiedenen katalanischen Zeitungen und im Regionalfernsehen fanden sich Berichte, im Regionalfernsehen sogar ein ausführliche Diskussion, zu der auch ein Repräsentant des Sozialforum geladen war (um dessen Auswahl und Mandat es lange Debatten gab). Vorangegangene Studierendenproteste, zuletzt eine Demonstration von 7.000 Studierenden am 6.3. dieses Jahres hatten das Interesse der Medien erhöht.
Ein weiterer Grund für die starke Aufmerksamkeit könnte unter anderem das starke Beharren der Katalanen auf ihre Unabhängigkeit sein. In der Franco-Ära wurden katalanische Sprache und Kultur durch den spanischen Zentralstaat diktatorisch unterdrückt, eine starke, in Teilen sehr nationalistische Gegentendenz kennzeichnet heute alle politischen Strömungen von der Rechten bis zur radikalen Linken.
Eine Homogenisierung des Bildungssystems durch Europäische Institutionen scheint daher zumindest verdächtig, kulturelle Autonomie wird großgeschrieben. Im Umgang mit der Konferenz dominierte von offizieller Seite allerdings Stolz auf Barcelona als Gastgeberstadt: sogar die Straßenlaternen wurden mit Fähnchen zur Begrüßung der EUA geschmückt. Insgesamt liegt die Verteidigung des katalanischen Kulturautonomie also keineswegs im grundsätzlichen Widerspruch zum neoliberalen Trend. Teilnehmende des Forum erklärten mir sogar, dass gerade das Katalanische Schulsystem verglichen mit anderen Teilen Spaniens eher Vorreiter in Sachen Neoliberalismus sei.

Willkommensgru� der Stadt
Willkommensgrüße für die RektorInnen von Stadt und Sponsoren…

Das Forum Social war daher ein notwendiger Gegenpol, hier stand nämlich nicht der Konflikt Zentralregierung vs. Katalonien sondern die generelle Verteidigung eines öffentlich zugänglichen Bildungssystems im Vordergrund. Die Proteste gegen die Konferenz waren ein guter Ansatzpunkt für den Protest gegen Privatisierungstendenzen – auch wenn es auf den Debatten die Tendenz gab, alle negativen Auswirkungen der aktuellen Unireformen unter dem Stichwort „Bologna“ pauschal zusammenzupacken. Eine notwendige differenzierte Analyse über die nationalen und regionalen Akteure in Sachen Kommerzialisierung kam daher manchmal zu kurz, die die Diskussion über eine Bilanz von des Prozesses ebenso.

Bologna-Prozess gescheitert? Möglichkeiten für kritische Interventionen.

Denn nach fast zehn Jahren Reform zeigt sich, dass zentrale Ziele des Prozesses verfehlt wurden. Nationale Alleingänge, passiver Widerstand, sehr unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen, Zeitdruck und chaotische Umsetzung auf lokaler Ebene – all diese Faktoren trugen dazu bei, dass der Bologna-Prozess heute eher einem großen Chaos als dem befürchteten hermetisch-homogenem Bildungsmarkt gleicht. Dennoch hat der Prozess, insbesondere in Deutschland, die Tendenzen zur Privatisierung und Warenförmigkeit von Bildung massivst beschleunigt und das öffentliche Bildungswesen stärker verändert als jede andere Reform einschließlich der großen Veränderungen im Gefolge von 1968.

Dieser Widerspruch zwischen Scheitern und Radikalreform wurde auf dem Forum Social leider nur andiskutiert. Es wäre eine Aufgabe für zukünftige studentische Protest- und Diskussionsforen, hier anzusetzen und die Widersprüche innerhalb des Bologna-Prozesses, aber auch zwischen Bologna und anderen Prozessen zu diskutieren. Dies setzt einiges an Recherche und wissenschaftlicher Aufarbeitung voraus, aber die Sache lohnt sich. Denn die chaotische Umsetzung der Bildungsreformen ist mittlerweile auch von Mainstream-Medien nicht mehr totzuschweigen, eine eventuelle De-legitimierung des Prozesses könnte neuen Spielraum bieten für Interventionen linker Bildungspolitik.


Weitere Links und Informationen zum Thema Bologna:

-Presserklärung europäischer Studierendenvertreter von 2005

-Redebeitrag des AStA FU gegen die Konferenz der BildungsministerInnen in Berlin im Jahr 2003

-Kurzer Artikel zum Bologna-Prozess

-Ausführliche Analyse zum Thema Bologna und Bildungsmarkt aus der AStA FU-Publikation „Universität im Umbruch“ (Berlin 2003)