Archiv für März 2007

Generation Praktikum

Der Tagesspiegel berichtet in seiner heutigen Ausgabe über die Situation von PraktikantInnen, mit deren Lage sich der Petitionsausschuss des Bundestages beschäftigt hat.

Sie kommen frisch von der Uni, rein in den Betrieb, 60-Stunden-Woche, Wochenendarbeit inklusive: In der Arbeitswelt von heute ist das keine Ausnahme mehr. Doch längst nicht überall stimmen Bezahlung und Zukunftschancen. Es gibt viele junge, gut ausgebildete Absolventen, die für diese Jobs überhaupt nicht mehr bezahlt werden.

Verwiesen wird dabei auf eine Studie von Dieter Grühn und Heidemarie Hecht aus dem Arbeitsbereich Absolventenforschung der FU Berlin:

Danach absolvieren 37 Prozent der Akademiker der FU Berlin und der Universität Köln nach ihrem Abschluss ein mehrmonatiges Praktikum. Der Anteil der Absolventen an den Praktikanten sei im Vergleich zum Jahr 2000 von 25 auf 41 Prozent gestiegen. Die Hälfte der untersuchten Vollzeitpraktika war demnach unbezahlt.

Die Studie ist online bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft erhältlich: Generation Praktikum? Prekäre Beschäftigungsformen von Hochschulabsolventinnen und -absolventen

Diese Studie enthält neben den zitierten Aussagen auch noch weitere Ergebnisse, unter anderem über die Situation von Frauen nach dem Studienabschluss:

Frauen führen deutlich häufiger Praktika durch. Von den Absolventinnen tun dies 44 Prozent, von den Männern hingegen nur 23 Prozent. Frauen machen auch deutlich häufiger mehrere Praktika, so sind es ausschließlich Frauen, die mehr als zwei Praktika ableisten.

In Berlin stoßen die AbsolventInnen auf einen eingeschränkten Arbeitsmarkt und müssen im Vergleich zu den AbsolventInnen in Köln häufiger ein Praktikum ableisten. Dabei liegt die Entlohnung der Praktikantinnen (falls das Praktikum überhaupt bezahlt wird) deutlich unter der der Praktikanten.

Die durchschnittliche Entlohnung der bezahlten Praktika liegt bei etwa 600 € (Frauen 543 € /Männer 741 €). Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler erhalten deutlich weniger als Wirtschafts- oder Naturwissenschaftler. Die Sicherung des Lebensunterhalts ist durch ein Praktikum also kaum zu gewährleisten.

Eine Absolventin eines geisteswissenschaftlichen Faches kann sich also in Berlin auf mehrere schlecht bezahlte Praktika nach ihrem Studium einstellen. Die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern liegen dabei sogar noch unter dem europäischen Durchschnitt, wie ein kurzer Blick auf den Gender Datenreport der Bundesregierung zeigt:

Gleich, welchen Datensatz man einer Analyse der Erwerbseinkommen zu Grunde legt, das Einkommen von Frauen liegt in Deutschland bei ungefähr gleicher Arbeitszeit mindestens 20 Prozent unter dem von Männern. Damit nimmt Deutschland mit Österreich und Großbritannien unter den EU-Staaten einen der letzten Rangplätze im Hinblick auf die Angleichung der Einkommen von Frauen und Männern ein.

Dazu auch ein Artikel der Financial Times Deutschland vom 01.02.2007: Uni geschafft – die Eltern zahlen das Praktikum

Weitere Berichte über die Studie aus dem Arbeitsbereich Absolventenforschung der FU Berlin im Tagesspiegel vom 02.02.2007: Billig und willig, in der Tagesschau am 01.02.2007 und bei Telepolis am 04.02.2007: Ausbeutung statt Ausbildung

Bildungsrevolutionär Lenzen?

Vor kurzem machte der jüngst wiedergewählte FU-Präsident Dieter Lenzen mit neuen Vorschlägen zur Bildungsreform von sich reden: mehr Autonomie für Schulen, mehr Fortbildungen und weniger Festanstellungen für Lehrer, Entstaatlichung des Bildungswesens insgesamt, und natürlich mehr Wettbewerb unter den Schulen. Die Süddeutsche Zeitung lobte den Maßnahmenkatalog gar als „revolutionär“ – doch was bedeutet mehr Wettbewerb nicht nur in der Uni, sondern schon in den Schulen – die FSI Geschichte wagt einen Ausblick:

„Das Ergebnis wird folgendes sein: Wettbewerb erzeugt Gewinner und Verlierer, die jetzt schon vorhandenen krassen Unterschiede zwischen behüteten Elite-Gymnasien und schlecht ausgestatteten Innenstadt-Hauptschulen werden größer werden. Mit dem „transparenten Informationssystem“ in Form eines Schul-Rankings, das Lenzen ebenfalls fordert, wird nochmal zusätzliche Panikmache erzeugt und die realen Qualitätsunterschiede werden maßlos übertrieben. Bildungsbewusste Mittelschichts-Eltern werden dann ihre Kindern in den Top-Ten Schulen der jeweiligen Stadt sammeln, der Rest bleibt hängen.“

Also doch eher eine Konterrevolution im Schulwesen…

Den ganzen Kommentar findet ihr hier:

http://fsigeschichte.blogsport.de/2007/03/10/dieter-lenzen-als-bildugnsrevolutionar/