Pressemitteilung der studentischen Fachschaftsinitiative der Ethnologie an der FU Berlin

Protestkundgebung gegen den Zwangsumzug des ethnologischen Instituts durch Klett-Verlag und FU Berlin

Das Institut für Ethnologie an der FU Berlin überraschte Anfang Dezember eine Mitteilung der Universitätsverwaltung: es wird aus dem alten Gebäude im Drosselweg 1-3 rausgeworfen und per Zwangsumzug bis Ende Februar in ein kleineres Gebäude verlegt. Hintergrund ist die Gründung der ‚Deutschen Universität für Weiterbildung‘ (DUW), eine private-public-partnership des Klett-Verlags und der FU Berlin, die hierfür Lehrpersonal freistellt und drei Gebäude kostenlos überlässt.

Eines davon: das Institutsgebäude der Ethnologie.

Waren die Studienbedingungen der Ethnologie schon vor dem Umzug wegen Mittelkürzungen kaum mehr zumutbar – in einem Seminar achtzig Studierende, die sich in einen für dreißig Menschen konzipierten Raum drängten – bleibt im neuen Gebäude nicht einmal genug Platz für die Bibliothek, die nun in ein Magazin im Otto-Suhr-Institut mit nicht- digitalisierter Zettelkatalog-Bestellung und zweitägiger Wartezeit überführt wird. Seminarräume gibt es keine mehr, zudem werden wegen Umbauten die Kellerräume und das zweite Geschoss (von zweien) auf ungewisse Zeit unnutzbar bleiben. Da es weiterhin die Universitätsverwaltung bisher versäumte, die in Kürze auslaufenden letzten Professuren öffentlich auszuschreiben, stehen wir Studierenden vor dem unlösbaren Rätsel, wie mit diesen Rahmenbedingungen innerhalb der Regelstudienzeit ein Abschluss zu erreichen ist.

Wir kritisieren den Autokratismus der Universitätsleitung, die ohne Einbeziehung der Betroffenen, ohne jeglichen Kommunikationsprozess Schreibtischentscheidungen fällt. Eine Universität ist kein frühkapitalistischer Wirtschaftsbetrieb, wir fordern den Universitäts- Präsidenten Herrn Lenzen auf, seinen Führungs-Stil zu überdenken, statt mit der „unternehmerischsten Hochschule Deutschlands“ zu werben. Wir wünschen uns eine demokratische, wissenschaftliche Hochschule mit emanzipatorischer Wirkung, kein Sponsoring einer studiengebührenpflichtigen Privatuniversität. Wir kritisieren das Modell der private-public-partnerships nicht nur aber vor allem an Universitäten. Wirtschaftsunternehmen sind Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen und keine Anbieter ihrer eigenen Analyse. Wir fordern die nötige Distanz von Wissenschaft und Wirtschaft ein, die jede nüchterne Betrachtung und Kritik braucht.

Wir sehen unsere Situation in einen allgemeinen Umbau der Hochschulen eingebettet. Neben der private-public-partnership sehen wir eine zweite allgemeine Technik der Ökonomisierung der Universitäten im Postulat der Drittmittelanwerbung: erforscht wird, was ein Markt verlangt, was unmittelbar ökonomisch verwertbar ist. Unweigerlich wird so auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit angelegte Forschung sowie Grundlagenforschung eliminiert und durch die Verwaltung von Angebot und Nachfrage von Wissensdienstleistungen ersetzt. Über die Technik der Drittmittelanwerbung wird also affirmative Scheuklappenwissenschaft installiert.

Die Einführung des Bachelor/Master-Systems in seiner jetzigen Form transformiert die Universitäten zu Berufsausbildungseinrichtungen. Kritikfähigkeit, Emanzipation, Denken braucht Zeit im Gegensatz zum Wissen, das schnell erlernbar ist. Ein 3-Jahre kurzes Studium ist unvereinbar mit dem emanzipatorischen Selbstanspruch der Universitäten. Das Ausstaffieren der Studierenden für den Arbeitsmarkt ist nicht ideelle Aufgabe der Universitäten.

Auch den Umbau der Universitäten sehen wir im weiteren Kontext des Neoliberalismus verankert. Die Durchdringung der Universität durch die Ökonomie ist kein zufälliger Einzelfall, sondern geschieht weltweit in allen Lebensbereichen. Wir kritisieren die universalisierte Logik des Ökonomischen und appellieren, sie zu reflektieren und demokratisch zu kontrollieren.

Um unserem Protest Ausdruck zu verleihen und Gehör zu verschaffen, halten wir eine performative Kundgebung ab. Alle interessierten PressevertreterInnen sind hiermit herzlich eingeladen, am Freitag, den 19.01.2007, um 15:30 h zur offenen Gesprächsrunde über unsere Institutssituation und die Hochschulumstrukturierung auf den Alexanderplatz gegenüber der Weltzeituhr zu kommen. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an: fsi-ethnologie(at)gmx.de

FSI Ethnologie. 10.01.2007


4 Antworten auf “Pressemitteilung der studentischen Fachschaftsinitiative der Ethnologie an der FU Berlin”


  1. 1 AStA FU 18. Januar 2007 um 18:43 Uhr

    dpa-Meldung vom 17.01:

    Mit einer Kundgebung am Alexanderplatz wollen Ethnologiestudenten der Freien Universität (FU) am Freitag gegen den Umzug ihres Instituts in ein kleineres Gebäude in Dahlem protestieren. Nach Angaben der Studenten-Fachschaft müssen die Ethnologen weichen, um Platz für die Deutsche Universität für Weiterbildung zu schaffen. Diese neue Hochschule ist eine gemeinsame Gründung der FU und des Klett-Verlages, die insbesondere Berufstätige für kostenpflichtige Studien gewinnen will. Die Studenten befürchten, in einem kleineren Gebäude keine zumutbaren Bedingungen mehr vorzufinden. Unter anderem solle die Institutsbibliothek in ein Magazin ausgelagert ausgelagert werden, so die Fachschaft.

  2. 2 Student 08. Februar 2007 um 23:25 Uhr

    Am Montag, den 12.02.07 werden die Klett-Vertreter um 11 Uhr das Religionswissenschaftliche Institut in der Altensteinstraße 40 begehen. Mehr dazu weiß ich leider nicht. Aber trotzdem: Sind natürlich alle Studenten herzlich eingeladen auch mal das Institut zu begehen!

  1. 1 Unterstützt die Studierenden der Ethnologie im Kampf gegen den Zwangsumzug, gegen autokratische Universitätsstrukturen und gegen die Ökonomisierung der Universitäten! « die fachschaftsinitiativen Pingback am 01. März 2007 um 18:57 Uhr
  2. 2 FU Berlin wird Elite-Uni - Auswirkungen für die DUW? - Fernstudium-Rundschau Pingback am 20. Oktober 2007 um 13:50 Uhr
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